Ich wünsche Ihnen …

Alle Jahre wieder. Während der drei letzten Wochen vor Weihnachten wünschen wir den Kunden, den Chefs, den Kollegen und wer sonst noch das Pech hat, unsere Flugbahn zu kreuzen, Gesundheit, Glück oder gleich den All-inclusive-Wunsch: alles Gute!

Henry Ford hätte eine Freude mit uns gehabt: Denn bei der Produktion von Weihnachts- und Neujahrswünschen sind wir unermüdlich, wir Fließbandwünscher. Wir sind übervoll des guten Willens. Wir schauen nicht auf die Uhr. Toilettenbesuche sind aufs absolute Minimum reduziert, und essen, wozu essen? Wir wünschen! Und die Gewerkschaft? Was macht die Gewerkschaft? Die sendet Briefe: „Wir wünschen allen …“.

Irgendwann wird die Zunge sauer (ich sehe mir gerne Übertragungen von Skiabfahrtsrennen an). Das Hirn wird blau und noch immer ist der Zielhang nicht in Sicht. Wer hat gesagt, daß gute Verkäufer vor allem zuhören und weniger sprechen sollen? Dieser Trainingsrückstand rächt sich jetzt und kostet mich wahrscheinlich einen Stockerlplatz.

Zwei Tore, äh, Tage vor Weihnachten dann der entscheidende Fehler: Beim Versuch einer Marketingleiterin alles erdenklich Gute für jetzt, für die Zukunft und wenn möglich auch noch ein bißchen für die Vergangenheit zu wünschen, gerate ich in Rückenlage, verkante meine Zunge, weiß nicht mehr ob Ostern, Obers oder Weihrauch. Christbaumkugeln umtanzen mich, wie Seifenblasen das einst glückliche Kind, das ich wohl gewesen sein muß, irgendwann einmal. Frohe, fröhliche, freudvolle, friedliche, Gesundheit und Gesundheit und das alte Jahr und das neue Jahr, ich weiß nicht mehr weiter, wieso bin ich nicht Papst geworden, der wünscht vielen Millionen Menschen auf einmal nur das Beste. Auf einen Schlag. Das ist Effizienz. Da können wir uns alle noch was abschauen von der Kirche. Doch da erscheint das Christkind, das blonde, und lacht.

Aber nein, es ist gar nicht das Christkind. Es ist die Marketingleiterin, die so herzlich lacht. Ihr sei das gestern auch schon passiert, sagt sie und jetzt muß auch ich lachen und der ganze Druck fällt ab und ich vermeide den Sturz mit ihrer Hilfe und schaffe den Zielhang und schwinge ab und schaue auf die Anzeigetafel: 4. Platz. Bester Österreicher!

Erst auf der Heimfahrt im Zug, der den Schienen folgt durch den vorweihnachtlichen, jahresendlichen Winterabend, fällt es mir auf.

Auch heuer habe ich niemand gefragt: Was wünschen SIE sich?