Nur fünf Minuten

Ich arbeite. Da läutet das Telefon. Ist es ein Kunde? Ist es ein Kollege? Ist es meine Freundin? Nein! Es ist eine telefonische Umfrage. Man will Informationen von mir. Gratis.

Der Anrufer aus dem Callcenter müht sich redlich. Er hat gelernt, daß er beim Telefonieren lächeln soll, weil die Angerufenen das „hören“. Das ist so richtig wie in diesem Fall spürbar gekünstelt und daher nicht geeignet Vertrauen aufzubauen (hüte Dich vor Menschen, die Dir ständig ins Gesicht lächeln – extrem alte bulgarische Schafhirtenregel). Er hat seinen (?) Namen gesagt und den des Meinungsforschungsinstituts, in dessen Auftrag er anruft. Natürlich viel zu schnell.Ich glaube übrigens, daß, konservativ geschätzt, etwa 92,2% aller Vorstellungen am Telefon für die Angerufenen nicht zu verstehen sind, da viel zu schnell gesprochen wird. Wie ist Ihre Schätzung? OK, ich bin kooperativ und bestätige daß ich, jawohl, Christian Traxler bin. Und wer ist dieser Christian Traxler? Ganz einfach: Ein Mensch, der aufgrund von, hoffentlich gut erarbeiteten Vorgaben, aus irgendeiner Datenbank gezupft wurde und jetzt gebeten wird „nur fünf Minuten“ seiner Zeit für eine Umfrage zur Verfügung zu stellen. Nur fünf Minuten. Gegenleistung? Nix.

Liebe Auftraggeber: Ich habe im Grunde nichts gegen Umfragen. Ich bin selber aktiver Teil der Wirtschaft und wenn Sie meine Antworten vor einer Fehlentscheidung schützen, oder helfen ein Produkt zu verbessern, dann soll es mir nur recht sein. Was mich stört, ist, daß Sie zwar mein Geld haben möchten (ich gehe davon aus, daß Sie in die Zielgruppe anrufen lassen) ich aber Ihnen wertvolle Information gratis zur Verfügung stellen soll. Und das schmeckt mir nicht.

Mal kurz überlegen: würden Sie einen Donald Trump anrufen lassen? Oder, um in Österreich zu bleiben, zum Beispiel einen Hans Peter Haselsteiner? Nein, natürlich nicht. Denn Sie wissen, daß Sie mit so einem Ansinnen gar nicht zu einem der beiden Burschen durchdringen würden. Nein, nein, Trump und Haselsteiner dürfen ihre fünf Lebensminuten behalten. Aber ein paar Etagen tiefer, da greifen Sie gerne zu. Irgendwer wird schon was sagen. Und dann haben wir unser Ziel erreicht. Stimmts? Und wieso gibt es keine Gegenleistung? Ist Ihr Marketingbudget unterdimensioniert? Oder… um Gottes willen! Respektieren Sie vielleicht Ihre Kunden nicht??? Kommen Sie am Ende gar nicht auf die Idee, diesen lächerlichen, unbelehrbaren, unregulierbaren Zellhaufen eine kleine, liebe Gegenleistung, ein DANKE zu überreichen, dafür, daß diese Ihnen Lebenszeit zur Verfügung gestellt haben? Lebenszeit, die nie wieder zurückgeholt werden kann?

Christian Traxler+