Verkauf mit der Brechstange

Ein Zirkus ist in der Stadt! Wann war ich zuletzt in einer Zirkusvorstellung? Das ist so lange her, ich weiß es nicht mehr. Ich erhalte Post. Der Zirkus sendet mir zehn Freikarten für eine bestimmte Vorstellung an einem bestimmten Tag.

Im Begleitbrief ist von „Aktionskarten“, die von Sponsoren unterstützt werden die Rede. Ich werde höflich ersucht die Karten auch an Mitarbeiter und Personen, die ich kenne, weiterzugeben. Da ich den Zirkus nicht kenne, werde ich die Karten zwar nicht weitergeben – ich bin ein gebranntes Kind und treffe mich mit Kunden zum Beispiel ausnahmslos nur in Restaurants, die ich persönlich getestet habe – aber ich habe die Veranstaltung nun auf meinem Radarschirm. Erinnerungen an die Kindheit kommen hoch. Zirkusluft ist eben ein ganz besonderer Stoff.

Mein Gedanke: gute Idee vom Management des Zirkus. Zunächst wird es Menschen leichter gemacht überhaupt zum Veranstaltungsort zu kommen. Immerhin gibt es eine Vielzahl anderer, verlockender Alternativen. Die Leute gehen weiters davon aus, daß Unternehmer viele Menschen kennen. Bei Gefallen ist also die Chance für positive Mundpropaganda doch recht groß. Außerdem hindert mich und andere niemand daran, nach Sondierung der Lage ein paar Kunden, etwa Kunden mit Kindern, dorthin einzuladen. Eine Marketinginitiative also, die kein Millionenbudget erfordert und trotzdem gut funktionieren kann.

Ich gehe mit meiner Tochter in den Zirkus. Vater und die erwachsene Tochter, das hat was. Auch kann ich im schlimmsten Fall besser Schadensbegrenzung leisten. Wobei ich meine Tochter selbstverständlich nicht darüber im Unlkaren gelassen habe, daß ich nicht weiß, was uns erwartet.

Da ist das Zirkuszelt! Die Vorfreude von Vater und Tochter steigt. Und da ist der Wagen mit den beiden Kassen. Zwei lange Menschenschlangen haben sich gebildet. Na ja, sage ich, wir müssen uns ncht anstellen. Wir haben die Freikarten. Dieses gewisse VIP-Feeling stellt sich ein. Noch zehn Minuten bis zur Vorstellung. Guten Abend, sage ich und halte dem Zirkusmitarbeiter beim Zelteingang die beiden Karten hin. Der Mann ist nicht unfreundlich, hat aber eine wichtige Botschaft für uns: „Sie müssen rasch zur Kassa und die Karten umtauschen.“ Warum wohl, sollen wir die Karten umtauschen???

Meine Vorfreude ist weg. Beim Blick auf die beiden Warteschlangen überlegen meine Tochter und ich, ob wir das Unternehmen abbrechen sollen, entscheiden uns aber dann doch dafür, uns anzustellen. Mit dämmert langsam, was geplant ist. Und tatsächlich: Die Dame in der Kassa weist mich nachdrücklich darauf hin, daß es im Rang 3, für den die Freikarten gelten, nur Bänke ohne Rückenlehne gibt und die Artisten nur von hinten zu sehen sind. Sie zeigt mit einem Kugelschreiben auf einen Sitzplatzplan und rattert die Preise für die anderen, besseren Ränge herunter. Druckverkauf ausgerechnet bei mir? Sicher nicht! Ich bestehe auf den Freikarten und erhalte tatsächlich eine Karte für zwei Personen, Rang 3, Preis null. Die Dame ist nicht amused. Die Vorstellung beginnt. Die Leistungen der Artisten sind beeindruckend, aber die gute Stimmung will sich nicht mehr einstellen und in der Pause gehen wir. Den Rest des Abends verbringen wir in einem netten Lokal.

Mein Gedanke: Natürlich wird sich der eine oder andere Freikartenadressat breitschlagen lassen und an der Kasse eine Karte kaufen. Aber werden das gute Kunden sein? Werden die gern anderen Menschen von diesem Zirkus erzählen? Werden die nächstes Jahr auch kommen und eine Vorstellung besuchen?